Zehn Wochen Klinsmann: Chaos statt Champions League
Jürgen Klinsmann sorgte am heutigen Dienstagvormittag für den Aufreger des Tages. Via Facebook verkündete der Weltmeister von 1990 seinen Rücktritt als Trainer von Hertha BSC. Klinsmann hinterlässt nach nur zehn Wochen reichlich verbrannte Erde.

Das Engagement von Jürgen Klinsmann als Coach von Hertha BSC darf getrost als großes Missverständnis eingeordnet werden. Anstatt den Hauptstadtklub sportlich zu stabilisieren und die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen, hinterlässt der 55-Jährige eine Schneise der Verwüstung.
Die Außendarstellung
Unter Michael Preetz hatte Hertha BSC kleine Brötchen gebacken. Understatement mit Trainern wie Pál Dárdai und Ante Covic war angesagt statt auf große Namen zu setzen. Als Klinsmann in Berlin ankam, war damit Schluss. Der Schwabe sprach direkt von teuren Transfers und dem Ziel Champions League. Manager Preetz war die großspurige Art sichtbar unangenehm. Zumal die großen Träume in der aktuellen Saison sportlich zu keinem Zeitpunkt untermauert werden konnten. Klinsmann hat große Reden geschwungen, seinen Abschied am Ende aber relativ stillos via Facebook verkündet – deutlich bevor sein Arbeitgeber reagieren konnte wohlgemerkt. Statt die Hertha wie geplant als Hauptstadtklub auf die Landkarte der großen Vereine zu setzen, gibt er sie der Lächerlichkeit preis. Selbstdarstellung statt positiver Außendarstellung.
Die Finanzen
Granit Xhaka, Julian Weigl, Mario Götze: Hertha fragte in der Winterpause bei etlichen hochdekorierten Spielern an. Klinsmanns Ansage: „Ob dann über Mario (Götze, Anm. d. Red.) spekuliert wird, oder über andere Champions-League-Spieler – das wird ganz normal sein. Das wird unsere Zukunft sein. Nach denen schauen wir uns ja auch um.“ Am Ende kamen im Januar Santiago Ascacíbar (11 Millionen), Matheus Cunha (18 Millionen) und Krzysztof Piatek (22 Millionen). Für den Sommer sicherte man sich zudem Lucas Tousart (25 Millionen). All diese Spieler überzeugte Klinsmann vom Wechsel. Entsprechend verwundert werden die Neuzugänge über den überraschenden Rücktritt sein. Genau wie man sich bei der Hertha fragen wird, ob es sinnvoll war, Klinsi mit derart viel Macht auszustatten. Ein wesentlicher Teil der Millionen von Investor Lars Windhorst ist nun langfristig verplant.
Der Trainerstab
Auch beim Trainerstab krempelte Klinsmann alles auf links. Alexander Nouri und Markus Feldhoff wurden als Assistenten verpflichtet, Arne Friedrich als Performance Manager und Werner Leuthard als Konditionstrainer. Sie alle stehen nun auf der Gehaltsliste. Klinsmann, der die Deals einfädelte, hat sich dagegen aus dem Staub gemacht.
Die Stimmung
Bei der Trennung von Ante Covic steckte die Hertha schon im Abstiegskampf. Im Verein war von Panik oder mieser Stimmung aber noch nichts zu spüren. Die Atmosphäre hellte sich in den ersten Tagen mit Klinsmann dann sogar weiter auf. Kurz war Aufbruchsstimmung angesagt. Marko Grujic verglich den neuen Übungsleiter gar mit Jürgen Klopp. Seitdem hat sich der Wind gedreht. Verdiente Spieler wie Arne Maier, Niklas Stark und Salomon Kalou wurden verprellt und beschwerten sich öffentlich über mangelnden Respekt. Von einer Wohlfühloase ist die Hertha mittlerweile mindestens so weit entfernt wie von der Champions League.
Das Wesentliche
Apropos Champions League. Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass die Hertha sich auch sportlich weiterhin in Schieflage befindet. Nur 1,33 Punkte holte die Alte Dame in der Bundesliga unter Klinsmann. Sechs Punkte beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz. Eine Verbesserung der Spielanlage oder taktischen Ausrichtung war unter dem neuen Trainer nicht zu erkennen. Einzig in Sachen Effizienz legte die Hertha unter Klinsi eine Schippe drauf. Von ruhigem Fahrwasser kann allerdings keine Rede sein. Daran änderten bislang auch die weltweit höchsten Investitionen auf dem Wintertransfermarkt nichts.
Und nun?
Bleibt die Frage offen, wie es nun weitergeht. Alexander Nouri soll zunächst übernehmen. Viel mehr blieb den Berlinern in der Kürze der Zeit auch nicht übrig. Der 40-Jährige hat bei seinen bisherigen Stationen in Bremen und Ingolstadt allerdings nicht nachgewiesen, dass er im Abstiegskampf die richtigen Weichen zu stellen vermag. Die Rückkehr von Dárdai wäre eine naheliegende Lösung. In diesem Fall müssten sich Preetz und seine Mitstreiter in der Hertha-Chefetage aber durchaus fragen lassen, wie sinnvoll sie die zurückliegenden acht Monate genutzt haben, die Entwicklung des Vereins voranzutreiben. Diese Frage steht aber ohnehin im Raum. Nicht zuletzt wegen Klinsis zehnwöchiger Amtszeit, in der er alles auf den Kopf stellte und sich dann fluchtartig vom Acker machte.
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